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Ambulante Pflege Interview

PA30: Hans-Dirk Reinartz im Interview: „Der Königsweg ist, die Emotionen wahrnehmen und ansprechen“

Einige Impulse aus unserem Gespräch:

Ich bin traurig, weil jemand im Sterben liegt und habe auch Angst vor meinem eigenen Tod. 

  • Hospize, Palliativstationen und alle anderen Orte sind gut, um sich klar darüber zu werden, dass jedes Leben jederzeit zu Ende sein kann! 

  • Jeder Mensch stirbt! Du, ich, wir alle. Jeder hat die Möglichkeit jederzeit zu sterben. 

  • Wenn ich mich diesem Thema UND der damit oft verbunden Angst auf mich selbst bezogen stelle, kann ich auch bei Pflegebedürftigen und deren Angehörigen „richtig“ handeln 

Wie „bearbeite“ ich Angst vor dem Tod bei Patienten und Angehörigen?  

  • Der Königsweg ist immer, Emotionen bei sich und anderen wahrzunehmen UND DANN so anzusprechen, dass alle Beteiligten ihr Gesicht wahren können. 

  • „Ich fühle bei mir…„ oder „Ich nehme bei Ihnen… wahr“  

  • Wenn ich mich nicht traue, etwas zu sagen, dann ist es immer (!) möglich und erlaubt, ZU FRAGEN.  

  • Wenn Ansprechen der Königsweg ist, ist Fragen der Kaiserweg. 

  • „Könnte es sein, dass Sie Angst haben?“ „Möchten Sie darüber sprechen?“ 

  • Ganz wichtig: ALLE müssen IMMER die Freiheit haben JA oder NEIN zu sagen! 

Was mache ich, wenn etwas mich so traurig macht, dass ich weinen möchte? 

  • In schwierigen emotionalen Situation haben ALLE Beteiligten JEDES Recht, traurig zu sein und DÜRFEN es auch zeigen!  

  • Tränen sind erlaubt!

  • Nicht den Kloß runterschlucken und die Emotionen verdrängen. 

Was mache ich, wenn ich zum nächsten Patienten gehe und mich die Traurigkeit noch begleitet? 

Es gibt eine einfache Methode, die ich trainieren kann, um den vorherigen Patienten loszulassen und mich dem neuen mit 100% widmen zu können: 

  • Die Türe ganz bewusst schließen. 

  • Mit dem Schließen der äußeren Zimmertür, auch den inneren Raum in mir schließen und den Patienten loslassen.

  • Der neue Pflegebedürftige bekommt meine volle Aufmerksamkeit.  

Was mache ich, wenn ich Emotionen im Dienst nicht zeigen kann oder will? 

  • „Ich kann nicht“  sollte in Team-Supervisionen oder ähnlichen Settings bearbeitet werden.  

  • Bei „Ich will es nicht“ kann ich mich selbst nach den Gründen fragen und diese erforschen. z.B. Habe ich Angst, nicht anerkannt zu werden, wenn ich emotional reagiere? etc. 

  • Eines ist sicher, wenn ich die Probleme mit nach Hause nehme, schade ich einer Person auf jeden Fall:  mir selbst.

  • Jeder „mitgenommene Patient“ erhöht die Schwere meines Rücksackes und das führt irgendwann zu Krankheit und Burnout. 

  • Nach einer emotional schwierigen Situation ist es wichtig, nach der Tour, mit Kolleg/Innen oder der PDL über die Situation zu sprechen und sich „Luft zu machen“. 

  • Einen Gesprächspartner finden ist besser, als traurige und belastende Erlebnisse zu unterdrücken und mit nach Hause tragen. 

  • Eine E-Motion will nach draußen. Sonst müsste es ja In-motion heißen.   

  • Da wo Menschen sind gibt es immer Emotionen, da darf es menscheln.  

Was mache ich, wenn ich nicht weiß wie ich mich verhalten soll?

Wenn ich nicht weiß, wie ich mich verhalten soll, ist es gut, die Unsicherheit auszusprechen:

„Ich nehme das jetzt wahr und weiß ganz ehrlich nicht, wie ich damit umgehen soll.“ 

Besser ehrlich „nicht weiter wissen“ als geheuchelt „Professionalität vermitteln“ 

Wie gehe ich mit den Emotionen von Angehörigen um? 

  • Wenn ich die Person nur ein wenig kenne, sind folgende Fragen angebracht:
    • „darf ich Ihnen helfen?“ oder
    • „darf ich etwas für Sie tun?“
  • Wenn ich die Angehörigen besser kenne, stelle ich dieselben Fragen und verbinde dabei eine leichte körperliche Berührung. Zum Beispiel mit den Fingern einer Hand am Arm oder an der Schulter. Wichtig ist, jetzt sehr genau auf die Reaktion zu achten. Weicht die Angehörige zurück oder versteifen sich die Muskeln, den Körperkontakt wieder zurücknehmen.
  • Wenn ich Angehörige schon gut kenne, ist sogar Folgendes möglich und wirkt manchmal Wunder: „Ich möchte Sie jetzt gern in den Arm nehmen, darf ich?“ 

Wenn Angehörige das Sterben, den Tod nicht wahrhaben wollen. Wie mit dem Aktionismus umgehen? 

  • Nach Motiven fragen, die für „Aktionismus“ gehalten werden, fragen.

  • Entweder mit allen Beteiligten zusammen oder auch erst einzeln mit den Beteiligten sprechen. Oft ist das Problem, dass Angehörige sich nicht trauen, in Anwesenheit des Patienten offen zu sprechen. 

  • Nicht jeder Mensch kann aussprechen, dass er den nahen Tod nicht wahrhaben will, Angst und Hilflosigkeit empfindet. Deshalb ist es wichtig mit der Familie darüber zu sprechen, dass der Tod unabwendbar ist.

  • Hilfreich in diesem Gespräch ist auch, deutlich zu machen, dass der Tod so eintreten kann, wie die Angehörigen es sich vorstellen oder auch eben ganz anders. Wie und wann auch immer es geschieht: So ist es gut.

  • Sehr oft wird das aber von der Familie anders gesehen und NACHHER machen sie sich oft Vorwürfe, „nicht dabei gewesen zu sein“. 

  • Wenn ich VORHER mit den Angehörigen rede und es so oder so ähnlich ausdrücke… „Egal was passiert, ob er /sie stirbt, wenn Sie dabei sind oder ohne dass Sie dabei sind, so wie es ist, ist es richtig.“

Sterben ist so individuell wie ein Fingerabdruck. 

  • Ein Patient möchte alleine sterben – das ist gut so. 

  • Ein anderer möchte in Begleitung bestimmter Personen sterben – das ist auch gut so! 

  • Manche Patienten können und wollen darüber sprechen, andere nicht. Was immer ein Patient sagt, ist RICHTIG!  

  • Will ein Mensch alleine sterben, wird das auch so geschehen – das darf so sein. 

  • Wenn ein Mensch im Kreise der Familie oder einzelner Familienmitglieder sterben möchte, wird auch das so passieren.  

Auf einer Palliativstation wird gestorben. Ist es nicht ein insgesamt trauriges Arbeitsumfeld? 

  • Während der Palliativpflege findet Leben UND Sterben statt. 

  • Positive UND negative Emotionen sind vorhanden, wie im normalen Leben auch. 

  • In der Palliativpflege leben MENSCHEN als Patienten und arbeiten MENSCHEN als Personal. Eine Palliativstation lebt und ist nicht tot! 

  • Wichtig ist, dass die Pflegenden wahrnehmen, ob es noch Themen des Lebens gibt, die noch abgeschlossen werden müssen, und dabei zu unterstützen.

  • Eine Palliativstation, ein Hospiz, die Palliativpflege ist keine Sterbestation, da wird gelebt …und irgendwann gestorben. Und alles, was zum Leben gehört darf da sein! 

 

Hans-Dirk Reinartz, 62 Jahre alt, Facharzt für Anästhesie und Lebenslotse, seit fast 34 Jahren als Arzt unterwegs, lebt mit seiner Frau in Odessa in der Ukraine.

Portrait HDR

  • Ärztliche Erfahrungen innerhalb UND außerhalb der Schulmedizin als persönliches Alleinstellungsmerkmal 
  • Neun Jahre als Anästhesist, Intensiv- und Notfallmediziner 
  • Acht Jahre als Therapeut mit über 16.000 Therapiestunden 
  • Österreichisches Diplom in Palliativmedizin 
  • Fast 12 Jahre hauptamtlich stationäre Betreuung von weit über 2000 schwerstkranken und sterbenden Patienten und über 15.000 Gesprächsstunden mit Patienten und Angehörigen 

 

 

Derzeitige Projekte: 

 

Ich danke Dir für das Gespräch und sende herzliche Grüße an Dich!

Deine Claudia, Claudia Henrichs

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