SGB XI - Früher war alles besser

 

Wenn wir fest davon überzeugt sind, dass früher, also vor dem SGB XI alles besser war, dann verstellen wir uns den Blick auf das, was uns das SGB XI auch Gutes gebracht hat. Jedes Mal, wenn Pflegeexpert*innen wieder darauf hingewiesen werden, heimliche Leitungen zu vermeiden, wird der Glaubenssatz wieder lebendig, verfestigt sich und entwickelt sich zu einer „Sich selbst erfüllenden Prophezeiung!“

 

 

Wie können Glaubenssätze entlarvt werden?

Um Gehirngespenstern auf die Spur zu kommen, ist folgendes wichtig:

  • Werde aufmerksam, wenn Du Verallgemeinerungen denkst oder sagst.
  • Konfrontiere hemmende Glaubenssätze mit Fakten und frage Dich selbst:
    • Stimmt das wirklich, was mir da durch den Kopf geht?
    • Welche Belege gibt es dafür?
    • Gibt es auch Gegenbeispiele?
    • Was bringt es mir, an diesem Gedanken festzuhalten?
    • Wobei hilft es mir, wenn ich Diesen Glaubenssatz loslasse?

 

 

Früher war alles besser! – Stimmt das wirklich?

Dann führen wir jetzt einmal Fakten ins Feld!

Viele sagen, dass die Pflegewelt vor 1995 als es das SGB XI noch nicht gab, wunderbar war. Die Erinnerungen an das Gemeindeschwesterprinzip werden in den höchsten Tönen gelobt. Versteh mich richtig, auch ich bin von der kommerziellen und auch noch föderalen Struktur des ambulanten Pflegewesens überhaupt nicht begeistert. Lieber hätte ich hier in Deutschland ein ähnliches Prinzip wie Buurtzorg in den Niederlanden.

 

Rosig war die Zeit ohne das Sozialgesetzbuch (SGB) - Elftes Buch (XI) - Soziale Pflegeversicherung auf keinen Fall.

 

 

Professor Dr. Burkhard Werner von der Theologischen Hochschule in Freiburg schrieb 2012: „Bei längerfristiger Pflegebedürftigkeit mussten große bis ganze Teile des privaten Vermögens und der privaten Altersversorgung inkl. der gesetzlichen Rente der Betroffenen eingesetzt werden!“

In den meisten Fällen ist Pflegebedürftigkeit längerfristig und viele Menschen führte Pflegebedürftigkeit in die Armut.

Genau das sollte mit dem SGB XI abgemildert werden. Hier der Text eines Audiobeitrages aus dem Jahr 2016, der an den Beginn der Pflegeversicherung erinnert: 


Norbert Blüm: "Mein Gott, ich wiederhole noch einmal Die SPD hat heute nicht über Rechthaberei zu entscheiden, sondern ob sie mit dazu beitragen will, in einem großen Pflege-Kompromiss den Pflegebedürftigen zu helfen!"

Moderator ZDF Morgenmagazin: "Der Widerstand gegen die Pflegeversicherung von Sozialminister Norbert Blüm war heftig. Er wollte verhindern, dass immer mehr Ältere in die Sozialhilfe rutschen, weil sie die Pflege nicht bezahlen können. Nach einem Gesetzgebungs-Marathon mit zwei Vermittlungsausschüssen wurde das Gesetz 1994 beschlossen. Und Blüm der Vater der Pflegeversicherung!"

Der im Jahr 2016 amtierende Gesundheitsminister Hermann Gröhe sagte 20 Jahre später:

"Die Einführung der Pflegeversicherung vor 20 Jahren war ja ein Riesenschritt, weil wir damals erstmalig Menschen, die zuhause gepflegt wurden, wirklich Ansprüche auf sozialstaatliche Unterstützung gaben!"


 

Das heißt, bis 1994 ging im schlimmsten Fall das komplette Vermögen für die Pflege drauf. Das System war weder von den Betroffenen noch von den Kommunen weiter finanzierbar. Seit dem SGB XI hat jeder Pflegebedürftige Ansprüche auf Leistungen gegenüber seiner Pflegekasse. Das bedeutet, das Vermögen und die Renten bleiben weitestgehend verschont.

 

 

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